JAHRESLOSUNG 2026 29
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Gedanken zur Jahreslosung 2026 von Landesbischof Ralf Meister
Kleinen Kindern beim Staunen zuzuse-
hen - ein wunderbares Geschenk. Ihr
Blick auf die Welt: Mit wachen Augen,
ungetrübt von Gewohnheit oder Mü-
digkeit saugen sie die Überfülle der Ein-
drücke auf. Jeder Stein ein Schatz, jeder
Lichtschein ein Abenteuer. Sie sehen
nicht, sie entdecken.
Vielleicht berührt mich diese Beob-
achtung so tief, weil sie uns an etwas
erinnert, das wir selbst auch einmal
konnten: voller Neugier die Welt mit
hoffnungsvollen Augen zu sehen. Am
Jahresanfang, wenn der Kalender um-
springt und wir ins neue Jahr blicken, be-
kommen wir für ein paar Stunden eine
Ahnung davon zurück. Der 1. Januar un-
terscheidet sich zwar kaum vom 31. De-
zember, dieselben Menschen, dasselbe
Wetter, die gleiche Welt. Und dennoch
fühlt sich dieser Übergang in irgendei-
ner Weise bedeutsam an. Rückblick und
Ausblick berühren sich, Vergangenheit
und Zukunft fließen ineinander. In die-
sen Augenblick fällt ein Satz aus der Of-
fenbarung des Johannes: „Siehe, ich ma-
che alles neu.“ (Offenbarung 21,5)
ten. Es ist ein Bruch. Ein neuer Blick. Ein
Ruf ins Licht.
Vielleicht liegt darin auch das Wechsel-
spiel des Jahreswechsels: Öffnen wir uns
für die Möglichkeit der Veränderung?
Gottes Wort schafft Wirklichkeit durch
einen neuen, veränderten Blick. Wir
kennen es und sehen es nun wie zum
ersten Mal. Alles ist schon da – und war-
tet darauf anders gesehen zu werden.
Kinder leben ganz im Augenblick. Sie
kennen noch keine klare Trennung von
Gestern, Heute und Morgen. Für sie
ist vieles neu – weil sie der Gegenwart
mit offenem Staunen begegnen. Als
Erwachsene leben wir zwischen dem,
was schon sichtbar wird, und dem, was
noch aussteht. Diese Spannung ist der
Raum unseres Glaubens – in dem wir,
inspiriert vom Staunen der Kinder, neu
sehen lernen und mit Zuversicht und
Hoffnung ins neue Jahr gehen können.
Ihr
Ralf Meister
Große Worte. Vielleicht zu groß für un-
sere erschöpfte Zeit. Kein sanftes Trost-
wort, sondern ein radikaler Einspruch.
Gesprochen in eine Welt, die sich im
Zerfall befindet. Johannes sieht keine
ideale Zukunft – sondern eine Gegen-
wart voller Erschütterung. Doch mit-
ten in diesem Zusammenbruch hört er
Gottes Stimme. „Siehe, ich mache alles
neu.“
Was hier als „neu“ angekündigt wird, ist
kein schrittweises Update des Beste-
henden, keine frisierte Variante des Al-
Landesbischof der Evangelisch-lutherischen
Landeskirche Hannovers